RUTH HANDSCHIN    1 | 2 | Biografie | Texte | Start
Handschins Arbeiten führen vom Sehen zum Denken. Viel wird über die Natur in diesem Buch, wenig über die Kunst reflektiert.

Apologeten der Zeichnung setzen den Umriss als formspezifisch geradezu an den Anfang der Kunst. Schon Plinius kennt die "Geburtsstunde der Zeichenkunst": Debutades, Tochter eines Töpfers in Korinth, zieht beim Abschied den Schlagschatten ihres Geliebten nach und füllt die Kontur mit Schwarz. Viel später führt der Weg vom Schattenbild zum Scherenschnitt, dem ausgerechnet ein Finanzminister seinen Namen schenkt - Etienne de Silhouette. Handschins Arbeiten allerdings sind grossformatige, mit dem Messer gefertigte Papierschnitte.

Typologisieren leitet über zur Morphologie, zum anschaulichen Gestaltvergleich (Goethes "Urpflanze"). Anders aber als klassifizierende Wissenschaft führt Kunst die Erinnerung und Imagination des Betrachters. Linnésche Systeme und neoromantische Naturphilosophien werden aufgerufen.

Die raumgreifenden Papierschnitte aus schwarzem oder konträr aus fluoreszierendem Papier, die "begehbaren Leuchtzeichnungen", verfremden anamorphotisch die Flora. Verdrängen der Binnenzeichnung erzielt Flächenkonformismus. Das Hard-edge der Cut-outs erlaubt den Schritt zum Dekor-Rapport. 

Samenkapseln werden Anlass zur Plastik. In Porzellangips monumentalisiert wirken sie naturfern, simulieren dem Wissenden Formideale der klassischen Moderne: spät-funktionalistische, handschmeichlerische Stromlinie oder neosurreale, spitze und hakige Psychoagression, elegante Flugkörper oder bedrohliche Waffenarsenale, hieb- und stichfest. Evolutionsbedingte Zweckmässigkeit der Natur und scheinbar autonome Form kongruieren.


25.06.2004

Sascha Renner

Kuckucksei im Königsnest


Die Zürcher Künstlerin Ruth Handschin präsentiert wertlose Wiesenkräuter in 24 Karat Gold – und stellt damit bestehende Wertsphären nachhaltig in Frage. Am kommenden Wochenende findet die Vernissage des jüngsten Kunst-am-Bau-Projekts der Universität Zürich auf dem Irchel-Campus statt.

Oben, im ersten Stock auf dem grossen Ateliertisch, liegt sie, ihre ganz persönliche «Bibel»: Laubers «Flora Helvetica», ein Wälzer dick wie ein Ziegelstein, Umfang 1615 Seiten. Die Botaniker-Fibel bringt sämtliche 3000 Wildpflanzen der Schweiz in 3773 Farbfotos zur Darstellung. Ein wahrlich enzyklopädisches Werk, das den Stempel leidenschaftlicher Akribie trägt – wie auch jenes der 1949 geborenen Künstlerin Ruth Handschin. Seit über zwanzig Jahren ergründet, archiviert und kommentiert sie mit den Mitteln der Kunst, was manchem Gartenfreund den Schweiss auf die Stirn treibt: wild wachsende Pflanzen, «Unkraut» im Volksmund.

Handschin deutet auf eine Serie von Fotografien, die sie jüngst im neuen Stadtteil Zürich Nord gemacht hat: Der Blick fällt auf das kurz gemähte Rasenfeld des Louis-Häfliger-Parks, dann auf eine Flucht rasterartig aufgereihter Bäume im Oerliker Park. Ein botanischer Truppenaufmarsch, dem Ruth Handschin wenig abgewinnen kann. Dasselbe Bild kultivierter und gebändigter Natur prägt auch das Gebiet um den neuen Potsdamer Platz in Berlin. Die Künstlerin hat dieses von Grund auf umgestaltete Areal zwecks Spurensicherung immer wieder aufgesucht. «Dort, wo heute Zuchtrasen wächst, blühte damals, entlang der Berliner Mauer, eine ungeheuer vielfältige Natur», erzählt sie und macht aus ihrer Entrüstung über deren Verschwinden kein Hehl.

Schon früh hat Handschin beschlossen, dem unerwünschten Teil der pflanzlichen Natur ein Monument zu errichten. Sie begann zu sammeln, an Wegrändern, auf dem täglichen Weg ins Atelier, auf ihren zahlreichen Reisen, die sie bis nach Sri Lanka führten, wo die schönsten botanischen Gärten zu finden seien. Die mitgebrachten Pflanzen und Samen presst sie zu Hause, fotokopiert sie anschliessend auf A3-Bögen und gruppiert sie zu dicken Bündeln. Dieses «Herbarium» ist der unerschöpfliche Formenpool, aus dem Ruth Handschin immer neue Inspiration bezieht. Methodische Richtlinien bestimmen das weitere künstlerische Vorgehen: In einem Abstraktionsprozess wird aus den unterschiedlichen Blattformen einer Pflanzenart der klar erkennbare Grundtyp herausdestilliert. Ist das allgemeine Strukturprinzip einmal gefunden, wird es vergrössert und in raumfüllenden Leuchtzeichnungen, übergrossen Schattenrissen oder Gipsplastiken in immer neuen Varianten in Szene gesetzt.

So löst Handschin manches unscheinbare Wiesenkraut aus dem unbeachteten Naturzusammenhang. «Flora non grata» nennt sich dieses Langzeitprojekt, dessen Ziel es ist, die Augen für die morphologische Pracht des vermeintlich Wertlosen zu öffnen. Es hat seinen Weg mittlerweile in zahlreiche Ausstellungsräume im In- und Ausland gefunden.

Mit verschiedenen Kunst-am-Bau-Projekten dringt die Künstlerin auch in die Öffentlichkeit vor. In München gestaltet Handschin zurzeit ein 6,4 mal 4,7 Meter grosses Wandsegment mit Blattformen von Wildpflanzen. Auch in Zürich ist die gebürtige Baslerin mit einer Arbeit präsent: Im ersten Stock des Baus 55 der Universität Irchel befindet sich ihre monumentale Wandarbeit «Letters from nature» (2002). Sie stellt in silhouettenhafter Reduktion 44 Blattformen aus dem nahen Irchel-Park vor. Moschus-Malve, Schotenkresse, Bocksbart – Handschin beantwortet jede Nachfrage postwendend und ist so leicht nicht in Verlegenheit zu bringen. Ihre botanische Sachkenntnis liessen manchen Fachmann erstaunen.

Besonders überraschende Bezüge schafft Handschin in ihrer jüngsten Arbeit, die sie am kommenden Wochenende auf dem Irchel-Campus mit einer zweitägigen Vernissage eröffnet. «La nouvelle tenue royale» nennt sich die Stoffmusterkollektion, die an drei Wänden des Instituts für Hirnforschung angebracht ist. Sie schliesst ausgerechnet die Fleur-de-lis, das vornehme Lilienemblem der französischen Monarchie, mit einer Sammlung helvetischer Unkrautblätter kurz. Sonnenkönig Louis XIV., berüchtigt für das Zurechtstutzen pflanzlicher Natur, in Wicke, Gänsedistel und Hirtentäschel gewandet? Wider Erwarten würde ihm der neue Entwurf wohl anstehen. Denn die in Blattgold gehaltenen Schattenrisse entfalten auf ihrem königsblauen und purpurroten Grund eine ungeahnte Pracht. So ist denn die augenzwinkernde Rache an dem distinguierten Monarchen auch gleichzeitig ein Plädoyer für die Vielfalt, Schönheit und den Formenreichtum der gering geschätzten Gewächse – und als solches eine subversive Geste, die bestehende gesellschaftliche Wertspähren nachhaltig in Frage stellt.

Die Vernissage des Kunst-am-Bau-Projekts «La nouvelle tenue royale» findet am Samstag und Sonntag, 26. und 27. Juni, von 17 bis 20 Uhr im Institut für Hirnforschung der Universität Zürich-Irchel, Bau 55, Etage H statt. Ruth Handschin wird ihre Pflanzenmotive als Tatoos auf die Haut sprühen.

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals, Zürich




Flora fossilis potsdamerplatzii

Berlin hatte für mich immer eine doppelte Anziehungskraft: Es bot sowohl die Attraktionen einer grossen Stadt als auch paradiesische Wildpflanzenareale. Mitten in der Stadt konnte man sich vom Verkehrs- und Einkaufsrummel entfernen und befand sich auf einem Brachgelände mit vielfältigster Pioniervegetation. Nichts Schöneres und Spannenderes als ganz alleine diesen Dschungel zu erkunden: Birken, Eschenahorn, rosa blühende Seifenkrautkissen, duftende Clematisblüten, leuchtende Nachtkerzen...Insekten, Vögel und Kaninchen inbegriffen.

Das Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz war zusätzlich noch mit besonders grossen Königskerzen und Sonnenblumen bestückt. Hier stiess ich zum ersten Mal auf den würzig riechenden, klebrigen Gänsefuss (Chenopodium botrys), den schmackhaften "wilden Ruccola" (Diplotaxis) und den Götterbaum.

Als der Potsdamer Platz in den neunziger Jahren zur Grossbaustellle wurde, stellte ich den ersten Jahren mit Genugtuung und Heiterkeit fest: Aus allen Ritzen und offenen Stellen wuchsen die Pioniere erneut, in der frisch aufgebrochenen Erde teilweise grösser als zuvor. Sie waren alle noch da.

Doch bei meinem Sommerbesuch 1998 wurde mir die veränderte Lage schlagartig klar: Das ganze Areal war fast restlos zugebaut, und die Wildpflanzen zum grössten Teil verschwunden. Nur wenige konnten sich behaupten. Spurensicherung wurde jetzt plötzlich unerlässlich. Ich begann eine Artenliste zu erstellen und die entsprechenden Blätter zu sammeln.

Von da an kam ich von jeder Berlinreise mit gesammelten Blättern und Fotodokumenten nach Hause. Es entstand ein spezifisches "Herbarium Potsdamer- Leipziger Platz". Ein Höhepunkt während dieser Sammeltätigkeit war der ausführliche Rundgang auf dem Gelände mit dem Geobotaniker Prof. H.Sukopp. Im Jahr 2002 beschloss ich, die Bestandesaufnahme abzuschliessen, was mir aber erwartungsgemäss bis heute nicht vollständig gelungen ist.

Das Formenarchiv ruhte, bis es diesen Sommer anlässlich dieser Ausstellung zum ersten Mal aktiviert wurde. 45 Blattformen zeugen jetzt als fluoreszierende Fossilien direkt unterhalb ihres ursprünglichen Standortes vom untergegangenen Formenreichtum. Ein archäologisches Highlight!

Ruth Handschin 2005


Flora fossilis potsdamerplatzii Berlin always held a double fascination for me: offering both the attractions of a big city as well as heavenly patches of wild plants. Right in the middle of the city you could leave the bustle of traffic and shopping behind and retreat into a wasteland covered in the most diverse pioneer vegetation. Nothing matched the sheer thrill of exploring this jungle entirely on my own: birches, ash leaf maples, cushions of pink flowering soapwort, fragrant clematis, luminous evening primroses … insects, birds and rabbits included.

The Lenné-triangle at the Potsdamer Platz was also dotted with particularly large mulleins and sunflowers. This was where I first came across aromatic, sticky goosefoot (Chenopodium botrys), tasty ‘wild rucola’ (Diplotaxis) and tree of heaven.

When the Potsdamer Platz became a massive construction site in the 90s I was gratified and amused in the first years to find that the pioneers were growing afresh, some even bigger than before, in all the cracks and open spaces in the newly broken ground. They were all still there. But during my summer visit in 1998 I was shocked to discover the changes: the whole area was almost completely built up and the wild plants had largely disappeared. Only a few were standing their ground. Suddenly it became imperative to record the last traces. I started to list the species and to collect the corresponding leaves.

From that point on I brought home a collection of leaves and photo documents from every trip to Berlin. A very specialised “Herbarium Potsdamer-Leipziger Platz” materialized. One of the high points of this collecting activity was the extensive tour of the landscape with the geobotanist Prof. H. Sukopp. In 2002 I decided to conclude the stocktaking, but, not surprisingly, I have not been completely successful in keeping to this resolve.

The archive of forms remained undisturbed until it was activated in 2005 for the exhibition in the U3 tube station. There, in deep shafts directly beneath their original habitat, 45 leaf forms bore witness to the lost wealth as fluorescent fossils. An archaeological highlight!

Ruth Handschin 2005



Text zur Ausstellung "Neue Kunst in den Neuen Kammern", Sanssouci, Potsdam, 2008

Les Dessous du Roi

Bei Restaurierungsarbeiten in den Neuen Kammern von Sanssouci stiess man auf einen einzigartigen Fund: Ein Paket von Louis XIV aus Versailles adressiert an Friedrich den Grossen.
Trotz DNA Analysen konnten die Fundstücke bis heute nicht datiert werden.

Lieber Friedrich

Herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Brief. Ich bin überzeugt, Sanssouci wird ein herrlicher Ort werden! Auch ich habe gute Neuigkeiten. Wie ich Dir letztes Mal mitteilte, habe ich übergenug von fleur-de-lis. Diese Lilie verfolgt mich seit meiner Kindheit auf meinen Kleidern und überall im Schloss. Ich kann sie nicht mehr sehen! Das soll sich nun ändern. Weg mit fleur-de-lis! Andere Blumen, andere Muster müssen geschaffen werden! Ich habe meine besten Künstler und Botaniker beauftragt und die ersten Resultate sind schon da: Geniale Muster! Göttlich! Goldene Blattformen von mir unbekannten Pflanzen, die alle hier in Versailles wachsen. Meine Gartenarchitekten kennen sie nicht, und meine Gärtner reissen sie aus. Unverständlich! Sie sind wunderbar! Ich habe mir gleich die ersten Kleidungsstücke anfertigen lassen. Noch sind es Dessous, und es muss geheim bleiben. Du bist der Einzige, dem ich das anvertraue. Ich bin glücklich und schicke Dir hier drei der kostbaren Exemplare. Mein Favorit ist das Modèle Biodiversité. Aber urteile Du selbst!

Weiterhin muss ich meinen Mantel mit fleur-de-lis tragen, aber darunter, Friedrich, trage ich Muster, die viel grossartiger sind!

Ich grüsse Dich aus Versailles

Louis XIV

The King's Underwear in the New Chambers of Sanssouci

During restoration work in the New Chambers of Sanssouci, a sensational discovery was made: a parcel was found addressed to Frederick the Great and the sender was Louis XIV from Versailles. It contained a letter from Louis, written in a tone of friendly familiarity and - to everyone's excitement - three royal pairs of men's underpants, fashioned out of the most expensive material. The patterns are made of pure gold appliqué.

Despite the use of DNS analyses it has not yet been possible to date the find.

Dear Frederick

Many thanks for your wonderful letter. I am convinced that Sanssouci will be a splendid place! I also have good news. As I told you before, I am fed up with fleur-de-lis. This lily has pursued me since my childhood, on my clothes and throughout the palace. I can't bear the sight of it any longer! That is going to change. Away with the fleur-de-lis! Other flowers and other patterns must be created! I have set my best artists and botanists to work and the first results are already there: ingenious designs! Divine! Golden leaf shapes of plants unknown to me, which all grow here in Versailles. My landscape architects do not know them and my gardeners pull them out. Incomprehensible! They are marvelous. I immediately ordered the first garments to be made. So far they are only under-garments and it must be kept secret. You are the only person I have confided in. I am happy to send you three of the precious samples. My favorite is the Modèle Biodiversité. But judge for yourself!

I must, of course, continue to wear my cloak with the fleur-de-lis, but underneath, Frederick, I wear patterns which are far more magnificent!

Greetings from Versailles

Louis XIV